Planeten-Stunde

Stunde der sonne: versengender blitz
  bricht durch die bogigen bahnen.
Thronender löwe auf sandigem sitz,
  spielball zweier titanen,
  flatternde strahlen-standarte,
  stolzes, erhobenes haupt,
  ziel, das des schießenden harrte,
  blendend ans tagblau geschraubt.
Stunde der sonne: versengender blitz,
  der dir die dunkelheit raubt.
Stunde der venus: vereinigt zum dur
  klingen die kreisenden sphären.
Blühende kränze, besiegelter schwur,
  knoten, geknüpft um zu währen.
  Stierhörner, wägende schalen:
  paare, verwachsen in eins.
  Gleichklang in allem dualen,
  locken und leuchten des weins.
Stunde der venus: vereinigt zum dur
  grüßt dich die myrte des hains.
Stunde merkurs: in der mitte des alls
  ist schon die botschaft verklungen.
Chymische dreiheit mit schwefel und salz,
  stab, von schlangen umschlungen,
  farbflirren, schwindend im bunten,
  nervenbahn, pulsend erhellt,
  bote, wie oben so unten,
  sind die zwei zeiger gestellt.
Stunde merkurs: in der mitte des alls
  suchst du umsonst nach der welt.
Stunde des mondes: gespiegeltes rund,
  kommen und gehen der wellen,
düsteres ahnen, das aufsteigt vom grund,
  unbekannt strömende quellen.
  Unter dem doppelten wagen
  ziehen die krebse ins meer.
  Schweigendes treiben in tagen,
  schale, sich füllend und leer.
Stunde des mondes: gespiegeltes rund
  weist dir den rhythmus umher.
Stunde saturns: hinter käfig und tor
  endet das tragen der trauer.
Sense und sichel, der zwang zum Empor,
  schärft sich an steinerner mauer.
  Brennfleck, gerissene wunde,
  blutig aufragendes horn,
  engste und schwärzeste stunde,
  luftlos erstickender zorn.
Stunde saturns, hinter käfig und tor
  findest du feuer und sporn.
Jupiter-stunde: zersprengender spross
  teilt den behütenden samen.
Schütze, der blind seine pfeile verschoss,
  donner, den alle vernahmen,
  wolke und wurzel, dazwischen
  kreist das olympische jahr.
  Über najaden und fischen:
  blitzrute, eichbaum und aar.
Jupiter-stunde: zersprengender spross
  wirft dich in glück und gefahr.
Stunde des mars: widerhallender ton
  öffnet die doppelte pforte.
Stachel und schafhorn in roter vision,
  glutfunke, schweigen der worte,
  speere im fluge, geworfen,
  denen das gleichmaß erlag,
  auflösung hin zum amorphen,
  dröhnender, brennender schlag.
Stunde des mars: widerhallender ton
  nimmt dir den frieden und tag.

Wenn man gelernt hat, den Blick nicht mehr von den sich wandelnden Formen ablenken zu lassen, kann man sowohl am historischen Geschichtsablauf als auch aus einer persönlichen Biographie die Zeit herausnehmen, und man wird sehen, daß alle durch die Zeit aufgefächerten Geschehnisse zu einem Muster gerinnen. Die Zeit verwandelt das Seiende in Abläufe und Ereignisse – entfernen wir die Zeit wieder, wird das Wesentliche, das hinter den Formen stand und sich in ihnen verdichtete, wieder sichtbar.

Thorwald Dethlefsen: Polarität und Einheit

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Daktylus, Philosophie