Die Insel. Sonettenkranz (Auswahl)

[…]


Das Meer ist still. Der Berg hält seinen Rücken
unter die last der wach- und wilden welt.
Nur manchmal trägt ers nicht. Dann bricht und fällt
geröll und schlägt die glatte see zu stücken.
Sie wogt und wütet, ist sie doch den blauen
gewölke oben schwester und verwandt:
So zieht sie ungehemmt von land zu land,
wird klar und düster, birgt sich scheu im grauen.
Und irgendwo, da werden sie zu einem,
verschmelzen zu ununterscheidbar reinem
weltraum, den man erblickt am horizont.
Alles, was geht, verschwindet einst darin,
und gibt sich hinter welt- und wolkenfront
Dem kühlen Licht der wachen Sterne hin.

Dem kühlen Licht der wachen Sterne hin
und wieder wird ein wissendes zu eigen:
wie sie auf tränen ihre blicke neigen
und strahlen dorthin schicken wo ich bin.
Wenn ich im schatten wogend-loher feiern
von schwarz umhüllt und schweigen an der gischt
des meeres sitze, wird die nacht vermischt
mit ihrem dasein, milchig weißen schleiern.
Dann weiß ich, dass ein spiegel meines lebens
am himmel hängt. Nichts ist mir mehr vergebens,
da alles einst zu dichtung mir gerinn.
Planeten-augen blinzeln kurz herüber,
dann graut der tag, das funkeln blasst, wird trüber.
Und müde birgt der Mond sein rundes Kinn.

[…]


Es rauscht dann nur zuweilen in den Bäumen,
wenn einer stirbt und in die leere stürzt.
Wenn atropos den schicksals-faden kürzt,
hängt glasig-trüb der spiegel in den räumen.
Dann springt das band, das an ein menschenherz
den geist gekettet, und er fließt hinaus.
Kein auge fasst ihn mehr. Jenseits des blaus
verliert er sich unendlichkeitenwärts.
Kein fallen gibt es dort und keine zeit,
kein schweigen, zittern, klingen, lebens-los,
das man erfüllt, das tag an tage reiht.
Und bald weiß niemand mehr von diesem leben.
Es gibt nur blätter, die im winde beben,
Und eine Maus huscht rasch durch Laub und Moos.

Und eine Maus huscht rasch durch Laub und Moos
dem tod entgegen, der von oben trifft.
Sie kannte nicht die flinke falken-schrift
am himmel: niederfall und krallenstoß.
Vom wind gewiegt durchschießt der falke, klar
im blau, die luft, die beute bald umkrallt.
Dann – ton und tod – ein knall, der schnell verhallt,
und warmes blei zerbricht sein flügelpaar.
Steinfall um steinfall sinkt so zu ruinen
das jetzt hinab. Ein anderes erhebt sich
aus der verwesung traum- und trümmerschoß.
Es baut in wolken türme, berge minen.
Vielleicht: es weiß und will, es lebt, erlebt sich.
Vielleicht am Strand wird eine Welle groß.

Vielleicht am Strand wird eine Welle groß
und führt das wasser aus dem ozean.
Am festland bricht die wasserwust sich bahn.
Das weltmeer liegt als braune fläche bloß.
Glasscherben decken den asphaltbelag
am grund der see, die weiter wächst und wird.
An stahl und stein, geborsten und entwirrt,
wachsen korallen in den neuen tag.
So wird zum teich die insel, fluss zu land.
Zugvögel stürzen, finden nicht mehr heim.
Die wüste des atlantik steht in brand.
Im schwarzen meer sprießt zögernd keim um keim.
Sahara ruht, ein see mit wüsten-säumen,
Und kräuselt sich im Schlaf mit weißen Schäumen.

[…]

So geht der Tag, so kommt die Nacht geschritten,
die alles hält, was sie schon früh verhieß.
Und ihre kleinste Stunde hütet dies:
den heilgen Schlaf der Liebenden inmitten …

Paulheinz Quack: Die Insel, IV

Kategorien
Sonett, Iambus